Filmseminar gegen Austerität: "Tantura" (ISR 2022) (mit Einführung durch Tomer Dotan-Dreyfus)

Foto: Filmseminar gegen Austerität
Wann: Mi, 08.04.2026, 20:00 Uhr
Wo: Filmseminar gegen Austerität, Von-Melle-Park 6, 20146 Hamburg, Kokoschka-Hörsaal (Phil D)
Im Rahmen der Kampagne „International solidarisch – Schluss mit Austerität!" veranstalten wir das „Filmseminar gegen Austerität". Mit Filmen rund um das Thema Austerität vs. Solidarität wollen wir die internationale, kulturelle und historische Bedeutung des Bruchs mit dem Neoliberalismus reflektieren - im Sommer auch wieder als Freiluftkino.
Die nächste Veranstaltung findet am Mittwoch, den 8. April 2026, ab 20 Uhr (ct) statt. Im Kokoschka-Hörsaal (Phil D) im Philosophenturm (Von-Melle-Park 6) schauen und diskutieren wir zusammen den Film „Tantura“ von Alon Schwarz aus dem Jahr 2022.
Wir freuen uns, für die inhaltliche Einführung und anschließende Diskussion Tomer Dotan-Dreyfus anzukündigen. Er ist Schriftsteller und aktiv bei Israelis für Frieden.
Näheres zum Film:
Tantura
(Doku | Regie: Alon Schwarz | ISR 2022 | 95 Min. | OmU)
Aufklärung ist Macht. Der Angriffskrieg der USA und Israels gegen Iran, Libanon und die palästinensischen Autonomiegebiete entbehrt offenkundig jeder völkerrechtlichen Legitimität und ist sofort zu beenden. Die fundamentale Erosion der US-dominierten Weltunrechtsordnung ist auch durch immer willkürlichere militärische Gewaltanwendung nicht zu stoppen. Die internationale Weltgemeinschaft ist hierbei jedoch gefordert, der Stärke des 1945 errungenen Rechts der Völker in völlig neuer, unhintergehbarer Weise globale Geltung zu verschaffen. Wie jeder Krieg mit einer Lüge beginnt, beginnt jeder Frieden mit der Rückgewinnung historischer Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit. Das gilt insbesondere für die unabdingbare Befreiung des palästinensischen Volkes aus jahrzehntelanger Besatzung, Unterdrückung und Entrechtung.
Einen eindrucksvollen Beitrag zu dieser umkämpften Arbeit friedensbildender Wahrheitsfindung stellt der 2022 veröffentlichte Dokumentarfilm „Tantura“ des israelischen Regisseurs Alon Schwarz dar.
Basierend auf der 1998 an der Universität Haifa ausgezeichneten Master-Arbeit des damaligen Geschichtsstudenten Teddy Katz rekonstruiert er am Beispiel des 1948 besetzten palästinensischen Fischerdorfes Tantura die bis heute tabuisierten Kriegsverbrechen, auf denen die israelische Staatsgründung beruht. Die filmische Recherche-Arbeit selbst wird dabei zu einem Kaleidoskop der psychologisch-institutionellen Verdrängungsleistungen, die eine Gesellschaft aufbringen muss, um sich ihrer historischen Verantwortung zu entziehen und ihren weltgeschichtlichen Nimbus als moralisch-integre „Opfergemeinschaft der Auserwählten“ aufrecht zu erhalten.
Im Zuge des Osloer Friedensprozesses wurde Katz‘ Arbeit, die anhand von Zeugenaussagen und Tonbandmitschnitten Belege dafür anführt, dass es in Tantura 1948 zu einem Massaker an der gesamten männlichen Dorfbevölkerung durch die jüdische Miliz der Alexandroni-Brigade gekommen sein muss, in der akademischen Community noch gewürdigt. Wenige Jahre später, während der zweiten Intifada, publizierte ein israelischer Fernsehsender die Ergebnisse der Studie und ein wütender Mob zog bis vor das Oberste Gericht, um Katz zum Widerruf seiner Thesen zu zwingen und die Arbeit aus den Bibliotheken entfernen zu lassen. Widerlegt werden konnten die Erkenntnisse dabei nicht. Sie wurden lediglich mit der von Ben-Gurion 1949 bereits zur systematischen Leugnung der „Nakba“ ausgegebenen Parole vom Tisch gewischt, alle Palästinenser:innen hätten im „Unabhängigkeitskrieg“ freiwillig oder auf Geheiß ihrer lokalen Vertreter:innen ihre Wohnstätten und Dörfer verlassen. Jedoch: auch unterdrückte Tatsachen wirken fort. Selbst im Bewusstsein ihrer Unterdrücker. So gelingt es dem Filmteam durch eine neuerliche, akribische Konfrontation der damals beteiligten Milizionäre, Richter usw., den Wahrheitsgehalt ihrer 1998 getroffenen Aussagen – allen Verdrehungen zum Trotz – unzweifelhaft nachzuweisen. Namhafte Wissenschaftler:innen bestätigen folglich, dass es sich 1948 um eine gezielte Kampagne ethnischer Säuberung und entsprechender Deportationen handelte – nur wenige Jahre nachdem die jüdische Bevölkerung Europas ungleich Schlimmeres unter dem NS-Terror zu erleiden hatte. Die Reaktionen sind entsprechend erschütternd. Eine Aufarbeitung steht bis heute aus.
Genau darin besteht jedoch das beispielgebende Plädoyer dieses couragierten Films: die Spirale aus Gewalt, Leugnung und Vergeltung zu durchbrechen ist elementare Grundvoraussetzung für die zivilisierte, solidarische Entwicklung eines jeden souveränen Volkes. Frieden, Abrüstung, diplomatische Konfliktregulierung, soziale Gerechtigkeit und engagierte Wahrheitsfindung bilden eine untrennbare Einheit. Das beinhaltet das unmissverständliche, rechenschaftspflichtige Benennen jeglichen historischen Unrechts und seiner Verantwortlichen. Die Gewalt zu überwinden ist ein unermesslicher Souveränitätsgewinn für die gesamte Menschheit. Jeder Schritt tatsächlicher Aufklärung wirkt. Eine humane Weltordnung erlangt Gestalt.
Daher: International solidarisch – Schluss mit Austerität.
„Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher!“
Bertolt Brecht, „Das Leben des Galilei“, 1939.
Zum Filmseminar gegen Austerität:
Das Filmseminar findet statt im Rahmen der Kampagne „International Solidarisch: Schluss mit Austerität“. Nähere Informationen dazu sind online auf der Kampagnen-Seite www.schluss-mit-austeritaet.de zu finden. Den Flyer für die Anti-Austerity-Filmseminar-Reihe und weitere Termine gibt es unter www.schluss-mit-austeritaet.de/film-seminar-gegen-austeritaet.
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